Dieter Froelich (geb. 1959) Auf mehreren kleinen Tischen ist eine größere Anzahl weißer Porzellanvasen versammelt: verschieden groß, unterschiedlich in der Form, seidig glänzend und an den großen italienischen Stilllebenmaler Giorgio Morandi erinnernd. Die kompakten Ensembles lassen spontan an südliche Dörfer oder Städte denken. Alle Vasen sind oben verschlossen. Dadurch sind aus den Gefäßen Hohlkörper geworden, die sich, wenn sie auch ihre Herkunft aus dem Alltag nicht verleugnen, doch deutlich der Nutzung entziehen. Die von echten Vasen abgegossenen Porzellanobjekte, von denen es 21 verschiedene Typen gibt, verweisen auf eine lange Tradition. Vasen werden von alters her »aufgebaut« oder gedreht. Darum haben sie etwas Konzentrisches, Konzentriertes, nach innen Gerichtetes. Sie bleiben bei sich, sind in sich versammelt. Bei Vasen spricht man von Hals, Schultern, Körper, Bauch und Fuß. Sie sind keine gewöhnlichen Gefäße, sondern erinnern an den Körper der Frau. In den vorkolumbianischen Kulturen haben die Vasen sogar Brüste und Arme als Henkel. Da sie gewöhnlich Blumen in sich tragen, haben die Vasen etwas Luxuriöses – woran man denkt, auch wenn sie verschlossen sind. Ob sie an Häuser erinnern, die zusammen ein Dorf bilden mit schattigen Zwischenräumen oder aber an eine Gruppe zusammenstehender Frauen: gemeinsam bilden sie eine Skulptur, welche aus mehreren Teilen besteht, die sich verrücken lassen. Die Plastik ist auf diese Weise veränderlich. Die weißen Hohlkörper teilen sich einander mit, indem sie zusammen Innenräume bilden, Schatten werfen, Licht abstrahlen. In der Malerei besteht das Stillleben meist aus unterschiedlichen Gegenständen, doch bei Morandi sind es manchmal nur Flaschen. Mit dieser Reduktion arbeitet auch Froelich und erreicht durch die Versammlung einfacher, ähnlicher, konzentrischer Gegenstände eine große Ruhe. Diese Selbstversunkenheit der Skulptur hat etwas Auratisches. Das Weiß erweckt den Eindruck, als sei das, was man sieht, nur erinnert – wie ins Archaische entrückt. Die Skulpturen sind von statuarischem Ernst und im klassischen Sinne schön. Die Konzentrik der Vasenkörper betont das Hiersein am Ort. Gegenüber der Bewegung, Geschwindigkeit, Beschleunigung, also gegenüber der rasenden Zeit, aber auch gegenüber der Vernetzung gleicher Orte und ihrer Gleichförmigkeit – beides Tendenzen der modernen Gesellschaft und ihrer Technologien – wird hier in anspruchsvoller Bescheidenheit ein Ort behauptet. Darin liegt die konservative Humanität dieser Arbeiten. Andere Arbeiten von Froelich (geb. 1959) sind weit deutlicher alltagsbezogen. Der Künstler arbeitet sonst etwa mit Küchenwerkzeugen und Sprache und er kocht. Sprechen und essen, beides bewältigen wir mit der Zunge. Die ästhetische Haltung, die im Deutschen »Geschmack« heißt, leitet sich bekanntlich von »schmecken« her. Burkhard Brunn